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Die verrückteste WM seit 1985

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Spacer Kolumne vom 24.05.2010 Spacer
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Der Jubel der tschechischen Weltmeister. Der Jubel der tschechischen Weltmeister.
Mit dem gleichen Spirit und dem gleichen Resultat wie 1985: Tschechien besiegt Russland im Finale 2:1 und wird Weltmeister. Die WM 2010 ist die verrückteste seit 1985. Mit drei Überraschungsteams: Tschechien, Deutschland und die Schweiz.

Die taktische Schlauheit triumphierte über die spielerische  Brillanz der Russen. Nie mehr seit 1985 waren die Tschechen im entscheidenden Spiel um den Titel (1985 war es noch nicht das Finale) so sehr Aussenseiter wie in Köln. Und sie siegten wie 1985. Wieder gegen die Russen. Wieder mit 2:1.

Das Finale war die Krönung eines verrückten Turniers. Die Deutschen, vor einem Jahr an der WM in der Schweiz 15. von 16. Teams (und sportliche Absteiger) dürfen an dieser WM nur mitspielen, weil sie Gastgeber sind und erreichen Platz 4 - erstmals seit 1953 kommen sie an einer WM wieder unter die ersten Vier. Nie zuvor hat sich ein Team von einer WM zur nächsten so gesteigert. Die Kanadier, immerhin Olympiasieger, scheitern kläglich schon im Viertelfinale. Dänemark im Viertelfinale, Olympiafinalist USA in der Abstiegsrunde und Norwegen Sieger über den späteren Weltmeister Tschechien. Italien und Kasachstan steigen ab und werden durch Österreich und Slowenien ersetzt - doch die USA gewinnen gegen Italien an dieser WM erst im Penaltyschiessen.

So drunter und drüber ist es an einer WM letztmals 1985 gegangen. Als die Russen noch Sowjets und die Tschechen noch Tschechoslowaken hiessen und es eine BRD und eine DDR in der acht Teams umfassenden WM gab.

Die Globalisierung des Eishockeys führt zu dieser Ausgeglichenheit. Nicht eine einzige Nationalmannschaft, die ausschliesslich aus Spielern der eigenen Liga besteht. Es gibt keinen Grund, das Teilnehmerfeld der WM (16 Teams) zu reduzieren. Bis 1975 gehörten nur sechs (!) Teams der höchsten WM-Klasse an, der Letzte (6.) der WM 1975 kassierte drei zweistellige Pleiten und es gab in 30 WM-Partien acht "Stängeli". Seit 1998 nehmen 16 Nationen an der WM teil und 2010 hat es in 56 WM-Partien nur zwei zweistelliges Resultat gegeben: Nie war die Ausgeglichenheit im Welteishockey grösser als heute. Gut möglich, dass es auch 2011 an der WM wieder so zu und her geht wie 2010.

Gewiss, das Interesse an der Eishockey-WM hält sich in engen Grenzen. Die TV-Abdeckung ist miserabel, nicht einmal in Deutschland waren die Spiele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ARD, ZDF) zu sehen. Die Eishockey-WM ist in einem der wichtigsten europäischen TV-Märkte nur auf privaten Nischenkanälen (Sport1) zu sehen. Die Eishockey-WM ist Lichtjahre vom Spektakel einer Fussball-WM entfernt. Sie ist ein Klassentreffen der kleinen Eishockey-Weltgemeinde. In vielen Bereichen dilettantisch, aber überschaubar und eines der sympathischsten globalen Sportereignisse. Dem Eishockey-Weltverband (IIHF) schwemmt die WM jedes Jahr rund 17 Millionen Franken in die Kasse und die WM-Veranstalter verdienen zwischen einer und fünf Millionen.

Kritiker, die sagen, die WM sollte nicht jedes Jahr ausgetragen werden, liegen also falsch: Die Beachtung und der finanzielle Reingewinn der Eishockey-WM wären auch dann nicht grösser, wenn sie nur alle vier Jahre ausgespielt würde. Eishockey ist nun mal eine Sportart mit begrenzter Verbreitung, begrenztem Interesse und begrenzten Vermarktungsmöglichkeiten. So sympathisch-dilettantisch sich die IIHF-Funktionäre in vielen Bereichen auch anstellen mögen - viel mehr könnten selbst Genies nicht herausholen.

Neben Tschechien und Deutschland gehört die Schweiz zu den Überraschungsteams. Erstmals in der Geschichte (seit 1908) haben die Schweizer den späteren Weltmeister (3:2 gegen Tschechien in der Zwischenrunde) besiegt und an einer WM Kanada geschlagen. Der 5. WM-Schlussrang ist die beste Klassierung seit 1998 (4.). Besser waren wir seit dem 2. Weltkrieg erst 1947 (4.), 1948 (3.), 1950 (3.), 1951 (3.), 1953 (3.), 1992 (4.) und 1998 (4.). In der Weltrangliste rücken wir auf Kosten der Slowakei wieder auf Platz 7 vor.

In dieser neuen, globalisierten Eishockeywelt muss für die Schweiz an jeder WM das Halbfinale und eine Medaille das Ziel sein. Absagen hin oder her.

Autor: zaugg


 
 
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